Nähe

Freundschaft braucht Stunden

Ein Forscher hat nachgerechnet, wie viel gemeinsame Zeit nötig ist, damit aus Bekannten Freunde werden. Die Zahlen sind ernüchternd und gleichzeitig sehr hilfreich.

24. Juli 2026 · 4 Min. Lesezeit

Jeffrey Hall, Kommunikationsforscher an der University of Kansas, wollte eine Frage beantworten, die eigentlich zu banal für Forschung klingt: Wie lange dauert es, bis jemand ein Freund ist?

Er befragte dafür Erwachsene, die gerade umgezogen waren, und Studienanfänger in ihren ersten Wochen. Beide Gruppen bauen ihr soziales Umfeld von Null auf, also lässt sich beobachten, wie aus fremden Menschen Bekannte werden und aus Bekannten manchmal mehr.

Die Zahlen, die dabei herauskamen, sind seitdem oft zitiert worden. Etwa 50 Stunden gemeinsam verbrachte Zeit, bis aus einer Bekanntschaft ein lockerer Freund wird. Rund 90 Stunden bis zum Freund. Über 200 Stunden, bis jemand zu den engen Freunden zählt.

Warum das im Erwachsenenalter so schwer wird

Wer diese Zahlen zum ersten Mal liest, rechnet unweigerlich nach. 200 Stunden sind mehr als acht volle Tage. In der Schule oder im Studium bekommt man das nebenbei zusammen, weil man ohnehin ständig am selben Ort ist. Mit Job, Familie und einem vollen Kalender wird daraus ein Projekt.

Genau das erklärt ein Gefühl, das viele Erwachsene kennen: dass die tiefen Freundschaften alle aus der Zeit vor dreißig stammen. Es liegt nicht daran, dass man später beziehungsunfähiger wird. Es liegt daran, dass die Stunden fehlen.

Hall fand außerdem etwas, das genauso wichtig ist wie die Stundenzahl. Nicht jede gemeinsame Zeit zählt gleich. Zeit bei der Arbeit trug in seinen Daten kaum zur Freundschaft bei, teilweise wirkte sie sogar bremsend. Was zählte, war gemeinsame Freizeit und vor allem, worüber gesprochen wurde. Kleine, alltägliche Themen und gemeinsames Herumalbern brachten Menschen näher zusammen als das reine Nebeneinandersitzen.

Die gute Nachricht steckt in der anderen Richtung

So weit klingt das nach einer schlechten Nachricht für alle, die keine 200 freien Stunden haben. Aber die Rechnung gilt für den Aufbau. Für den Erhalt gilt etwas anderes.

Bestehende Freundschaften haben ihre Stunden bereits hinter sich. Das gemeinsame Fundament ist gebaut, die Geschichten sind da, das Vertrauen ist eingezahlt. Was diese Beziehungen brauchen, ist nicht die Wiederholung des Aufbaus, sondern ein Signal, dass es sie noch gibt.

Und das ist um Größenordnungen billiger. Eine Sprachnachricht auf dem Heimweg. Ein Anruf, während die Nudeln kochen. Ein Foto von etwas, das nur ihr beide versteht.

Deshalb ist die praktisch wichtigste Frage nicht „Wie baue ich neue Freundschaften auf?“, sondern „Welche der bestehenden lasse ich gerade auslaufen, obwohl ich sie behalten möchte?“ Die zweite Frage ist ungemütlicher und deutlich lohnender.

Was das für den Alltag heißt

Es gibt eine Sorte Ratschlag, die verlangt, das Leben umzubauen. Mehr Zeit für Freunde, feste Abende, große Vorsätze. Das funktioniert bei den wenigsten, weil die Zeit nun einmal nicht da ist.

Der realistischere Weg geht über die Häufigkeit statt über die Dauer. Zehn kurze Kontakte im Jahr halten eine Freundschaft besser lebendig als ein einziges langes Treffen. Das eine Treffen ist schöner. Die zehn Kontakte sind wirksamer.

Und falls doch mal ein Abend frei ist: Halls Daten legen nahe, ihn nicht mit einem Programm zu füllen, sondern mit Zeit zum Reden. Der Punkt ist nicht die Aktivität. Der Punkt ist das Gespräch, das nebenbei entsteht.